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MÖNCHSGESANG UND HUNDEGEJAUL
Hans-Karsten Raecke spielt in der Mannheimer Melanchthonkirche

Gerd Kowa, Die Rheinpfalz / Nr. 172 - Mittwoch 28.Juli 1999

Die menschlichen Sinne sind wahrhaftig ein Teufelszeug. Der Mensch hört mit den Augen und sieht mit den Ohren. Synaesthesie nennt man das: die Vermischung und das Zusammenwirken aller Sinne. Seit der Romantik werden die verführerischen Zauberkräfte der Musik erforscht und konsequent angewendet, von E bis U. Weber setzte im Freischütz die Klarinetten in schaurig-schönen tiefen Lagen ein. Wagner feiert im „Rheingold" auf dem tiefen Es die Geburt der Welt irn Geiste des Wassers oder läßt in der Walküre das Feuer in den Flöten lodern und prasseln. Der aus der ehemaligen DDR stammende Mannheimer Komponist Hans-Karsten Raecke ist sich der Versuchungen bewußt. Er untersucht - als ein entwaffnend gescheiter Theoretiker und Erfinder neuer Instrumente - die verschütteten Katakomben der Phantasie. In der Mannheimer Melanchthonkirche führte er einige seiner Instrumente und Kompositionen vor. Raecke könnte als teuflicher Klangingenieur der Welt von „Hoffmanns Erzählungen" entstiegen sein. Wenn er an seinem durch einen Sampler verfremdeten Keyboard sitzt und aus den Höhen eines himmlischen Lohengrinthemas in die höllischen Abgründe der lärmenden Jetztzeit hinuntersaust und poltert, spürt man, wie sehr sich der Künstler der politischen Aufgabe der Musik bewußt wird. Er setzt Skepsis in Töne: So packend, so lebendig und suggestiv, daß man sich in seiner phantastischen Hexenküche umgehend zu Hause fühlt. Zu Beginn seiner Demo-Matinee in der Melanchthonkirche griff er zu einem Blasinstrument, das er „Gummiphon 2" nennt. Man ahnt schon Schock und Schalk. Das Gummiphon besteht aus Plastik-Abflußrohren aus Beständen der DDR. Zusammengesteckt bilden sie eine schwarze Schlange mit Saxophon-Mundstück. König Dada läßt grüßen und fängt an zu gluckern und zu feixen. Im Rohr ist Wasser, das durch leichtes Drehen und Beugen allmählich in eine weiße Plastikschüssel tropft. Ein Mikrophon protokolliert den monströsen Vorgang. Der Bläser artikuliert bizarre und teilweise gar deutlich anrüchige Töne. Abfall entlarvt sein Schöpfertum. „Wassermusik“ ist freilich eine Anspielung auf Händel. Händel im Gulli? 0 nein. Raecke schreibt eine Wassermusik nach Händel, für heute. Sein aesthetischer Entwurf ist eine Mischung aus skeptischer Nostalgie und einem entschiedenen Bekenntnis zu Hörgewohnheiten und technischen Möglichkeiten der Gegenwart. „Zwischen elektronischen und traditionellen, also handgefertigten Instrumenten muß ein Gleichgewicht herrschen", sagt er. Ähnliches gilt für die Kompositionsweisen. Im „Mecklenburger Pferd" wird das ganz deutlich. Einem „klangerweiterten" Flügel vertraut Raecke eine strenge, minimalistisch inspirierte Tonfolge an. Auf einem „Ventilzugmetalluphon" improvisiert der Künstler jazzig froh. Sensationell und futuristisch ist das Instrument. Es ist eine Mischung aus Saxophon, Posaune und Trompete und ermöglicht Klangfarben aller drei Instnrmente. Raecke baute auch eine Schalmei aus drei verschieden dicken Bambusrohren ("ln einer Stunde zu bauen"), ein Tenorzugmetallophon aus Staubsauger- und Taschenlampenteilen. Es produziert Klänge vom Mönchsgesang bis zum Hundegejaul. Die Anordnung der Grifflöcher entspricht der Gestalt seiner Hände. Dadurch entstehen - im Gegensatzz zur herkömmlichen Tonleiter - unreine Reihen. Raecke nennt sie „instabile Intervallreihen". Sie sind sein Material, das teilweise dem Zufall, teilweise der Erfahrung entspringt. Alles Regelmäßige ist starr. Raecke vertraut der Dynamik des schöpferischen Zufalls, der sich, sobald er sich geoutet hat, strengen Regeln zu unterwerfen hat. Denn es sei, so Raecke, ein fataler Irrglaube, wenn man meint, sich auf dem Ozean der unendlichen Möglichkeiten ohne Bojen zurechtzufinden. In der Beschränkung steckt der Reichtum.